Typisch für eine Rechenstörung (Dyskalkulie oder Rechenschwäche) ist, dass die Kinder deutliche Schwierigkeiten im Umgang mit Zahlen und beim Verständnis von Rechenvorgängen haben. Gleichzeitig liegen ihre Intelligenz und ihre übrigen Fähigkeiten im normalen Bereich.

Die Probleme treten schon bei kleinen Zahlen und einfachen Rechenoperationen auf. So haben die Kinder Schwierigkeiten, Zahlen zu verstehen und gehörte Zahlen in geschriebene Ziffern umzuwandeln oder umgekehrt, und sie verstehen grundlegende Rechenkonzepte (wie „mehr“ und „weniger“) nicht.

Durch die ständigen Misserfolge beim Rechnen entwickeln die Kinder oft Ängste vor dem Mathematikunterricht oder vor der Schule und eine geringe Leistungsmotivation. Das wirkt sich wiederum ungünstig auf die Rechenstörung aus. Insgesamt können die Rechenstörung und ihre psychischen Folgen die Lebensqualität der Kinder deutlich beeinträchtigen.

Die 8-jährige Lara hat erhebliche Probleme und die Note „ungenügend“ im Fach Mathematik, während sie in den übrigen Fächern gute Noten hat. Inzwischen hat Lara zunehmend Angst vor dem Mathe-Unterricht und sagt von sich selbst: „Ich bin dumm“. Im Zusammenhang mit dem Schulbesuch berichtet sie häufig über Bauch- und Kopfschmerzen. Daraufhin geht ihre Mutter mit ihr zum Kinderpsychiater.

Häufigkeit, Verlauf und Ursachen

Etwa drei bis sechs Prozent der Kinder im Schulalter sind von einer Rechenstörung betroffen. Sie kommt damit etwas seltener vor als eine Lese-Rechtschreib-Störung. Mädchen sind gleich häufig oder etwas häufiger betroffen als Jungen.

Wird keine gezielte Therapie durchführt, bleibt die Rechenstörung meist bis ins Erwachsenenalter bestehen. Die Probleme beim Rechnen können dann zu deutlichen Beeinträchtigungen in der Schule, im Berufsleben und im übrigen Alltag führen. Günstige Faktoren für den Verlauf sind eine leicht ausgeprägte Rechenstörung und eine gute Intelligenz, ungünstige Faktoren sind Aufmerksamkeitsdefizite und Probleme beim Lesen und Schreiben.

Bisher ist nicht genau bekannt, wie eine Rechenstörung entsteht. Es wird angenommen, dass mehrere Faktoren bei ihrer Entstehung zusammenwirken. Dabei spielen wahrscheinlich genetische Faktoren eine wichtige Rolle. So ist häufig auch ein Elternteil oder Geschwister von einer Rechenstörung betroffen.

Weiterhin wird vermutet, dass die Rechenstörung auf Besonderheiten der Hirnfunktionen zurückgeht, die zu einer Störung des Zahlenverständnisses führen. Diese Besonderheiten der Hirnfunktionen können ebenfalls zu Defiziten beim Lesen und Schreiben, bei der visuell-räumlichen Wahrnehmung und bei den motorischen Funktionen (Steuerung von Bewegungen) führen.

Psychische und soziale Faktoren können dazu beitragen, dass sich die Rechenstörung verschlechtert, zum Beispiel, wenn die Rechenfähigkeiten in der Schule schlecht vermittelt werden. Zudem können die Kinder in Zusammenhang mit dem Rechnen Ängste und negative Gefühle entwickeln, weil sie häufig Misserfolgserlebnisse haben, gehänselt werden oder von Eltern oder Lehrern unter Druck gesetzt werden.

Zusätzlich zu einer Rechen-Störung liegen häufig weitere psychische Auffälligkeiten oder Störungen vor. Diese sind oft eine Folge der Rechenstörung, können aber auch unabhängig davon auftreten.

Am häufigsten sind Ängste (z. B. Angst vor dem Rechnen, generelle Schulangst), Depressionen und Störungen des Sozialverhaltens (z. B. aggressives Verhalten), eine Lese-Rechtschreib-Schwäche und eine ADHS. Tritt die Rechen-Störung zusammen mit einer LRS auf, spricht man auch von einer kombinierten Störung schulischer Fertigkeiten.

Durch die psychische Belastung durch die Rechenstörung können auch psychosomatische Beschwerden wie Bauch- oder Kopfschmerzen auftreten. In manchen Fällen lassen sich zusätzlich Störungen der visuell-räumlichen Wahrnehmung, der motorischen Funktionen, des Gedächtnisses oder der kognitiven Kontrollfunktionen (Exekutivfunktionen) beobachten.